Über Titel und Ämter
Das Interessante an einer intellektuell überzüchteten Gesellschaft ist, daß sie den Kontakt mit der alltäglichen Realität nicht nur verliert, sondern als Ganzes in Abrede stellt. Dies beweist sich darin, daß beschriebene Sachverhalte, welche objektiv der Realität entsprechen, immer dann grundsätzlich als falsch abgelehnt werden, wenn derjenige, der sie beschreibt, nicht den Maßstäben entspricht, welche für die Gesellschaft geradezu als Voraussetzung empfunden werden, überhaupt etwas Wahres aussagen zu können. Vereinfacht bedeutet dies, daß ein, von einer Privatperson, welche nicht nachweislich einen akademischen oder vergleichbaren Titel vorweisen kann, beschriebener Sachverhalt grundsätzlich als falsch definiert wird, und nur als wahr angenommen wird, wenn die betreffende Person einen entsprechenden offiziellen Titel vorweisen kann. Dies beinhaltet konsequenterweise auch den Nebeneffekt, daß Sachverhalte, die von vermeintlichen Autoritäten (z.B. Personen mit akademischen Titel) beschrieben werden, grundsätzlich als wahr empfunden werden, auch wenn sie objektiv nicht der Realität entsprechen. Es wird also prinzipiell eine angenommene intellektuelle Kompetenz, ohne kritisches Hinterfragen, als Garant für den Wahrheitsgehalt einer Aussage akzeptiert. Unter dieser Voraussetzung ist es ein Leichtes, auf die damit im Zusammenhang stehenden Folgen zu schließen, wie z.B. den Mißbrauch von Akademikern, welche gegen entsprechende Vergütungsleistungen ihre unterstellte intellektuelle Kompetenz dazu mißbrauchen, diversen Interessensgruppen eine Plattform zu bieten, um ihre politischen, bzw. ideologischen Meinungen öffentlich zu verbreiten. Auf einem ähnlichen Phänomen beruht auch die Wirkung der klassischen Medien (wie z.B. Zeitungen), die nach einer Jahrzehnte andauernden Propanda immer noch vielfach den erfolgreich etablierten Nimbus der Objektivität und des investigativen Journalismus mißbrauchen, um in Wahrheit die Perspektiven einflußreicher Interessensgruppen zu vertreten. Daher kann und darf das eigenverantwortlich handelnde Individuum niemals eine Wahrnehmung zugunsten einer propagierten Perspektive vernachlässigen, sondern sollte stets danach streben, die eigenen Erfahrungen des alltäglichen Lebens in einer objektiven Gegenüberstellung zu betrachten. Wann immer offizielle Darstellungen (unabhängig davon, wer sie vertritt) diesen Erfahrungen zuwiderlaufen, ist zumindest Vorsicht geboten und die Frage zu stellen, wie es sein kann, daß Erfahrungen, die in der Realität gemacht wurden, bzw. werden, nicht zu dem Bild passen, welches offiziell verbreitet wird. Andererseits sollten beschriebene Sachverhalte, welche den Erfahrungen der Realität entsprechen, nicht als ungültig abgetan werden, nur weil derjenige, der sie äußert, keinen offiziellen Status wie Titel oder Ämter besitzt. Denn diese entheben die betreffenden Akteure nicht dieser Welt, und erst recht nicht der Realität. Vielmehr bedeuten Titel und Ämter in der Regel eine Systemabhängigkeit, sofern die Inhaber dieser Prädikate daran interessiert sind, diese zu behalten. Der an und für sich gebotenen wissenschaftlichen Objektivität, welche die Grundlage für akademische Titel bilden (sollte) kann von daher per se bereits ein Interessenskonflikt unterstellt werden. Ein wahrgenommenes, bzw. verliehenes Amt hingegen, mag nicht eine wissenschaftliche Neutralität bedingen, jedoch ist die Wahrnehmung eines Amtes in der Regel weniger mit einem Recht als einer Verpflichtung gekoppelt. Wer ein Amt wahrnimmt, unterliegt der Pflicht jener Aufgaben, die jenes Amt konstituieren. Wer immer die Autorität dieses Amtes mißbraucht, um wissentlich diversen Interessensgruppen oder Ideologien Geltung zu verleihen, verstößt gegen die einem Amt auferlegte Neutralität in der Wahrnehmung der Geschäfte. Daher muß auch das eigenverantwortliche Individuum stets sorgfältig prüfen, ob beschriebene Sachverhalte einer kritischen Prüfung nicht nur aufgrund von Daten und Fakten, sondern auch den Erfahrungen des eigenen Lebens entsprechen. Letztlich kann man aus dem Geschilderten folgern, daß es kein Argument gibt, die eigene Realität zugunsten einer offiziell beschriebenen Fiktion zurückzustellen, sondern stets kritisch zu bleiben, ohne jedoch blind zu verurteilen.
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